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Was ist eigentlich Jewish Renewal?

OHEL HACHIDUSCH ist Mitglied von "ALEPH - Alliance for Jewish Renewal". 

Jewish Renewal ist in den USA und England ein seit langem anerkanntes Phänomen, auf dem europäischen Kontinent jedoch noch weitestgehend unbekannt. Unser Dank gilt deswegen Rabbinerin Marcia Prager, deren Artikel wir hier zitieren dürfen:

Was ist eigentlich Jewish Renewal?

Jewish Renewal ("Jüdische Erneuerung") ist eine strömungs-/denominationsübergreifende Bewegung im zeitgenössischen Judentum, die jüdischen Gemeinden und jüdischem Alltag auf lustvolle Weise neue ethische Impulse und spirituelle Vitalität verleiht. Die Zeit, in der wir leben, bringt Veränderungen mit sich, wie sie in der Geschichte des Lebens auf unserem Planeten bisher nicht dagewesen sind. Während vor diesem Hintergrund viele Jüdinnen und Juden in der Rückkehr zu vormodernen Ausdrucksweisen der Orthodoxie Halt und Sinn finden, suchen viele andere nach einem zeitgemäßen, wahrhaft egalitären Weg, der die Grenzen der verschiedenen Strömungen/Denominationen überschreitet und das Judentum als tiefgehende spirituelle Praxis begreift, welche das eigene Ich und die Welt verwandeln kann. Das also ist Jewish Renewal - eine weltweite Bewegung, geschaffen von Tausenden von Menschen mit den verschiedensten jüdischen Lebensgeschichten. Während viele von ihnen im Reformjudentum, im reconstructionist movement, im konservativen oder im orthodoxen Judentum aktiv sind, gibt es andere, die sich spirituell ausschließlich an Jewish Renewal gebunden fühlen.

Was macht Jewish Renewal zu einer so besonderen Erfahrung?

Frauen und Männer sind bei uns vollkommen gleichberechtigt und miteinander an der Gestaltung der Zukunft des Judentums beteiligt. Menschen, die sich im traditionellen Judentum oft als Außenseiter fühlen mussten, sind willkommen. Unsere Zusammenkünfte zum Beten und Feiern sind sehr lebendig und sprechen Herz und Intellekt an. Sie werden von allen gemeinsam gestaltet und, ja: Musik, Bewegung, Chants, Meditationen, Tanz und Theater - all das kann ausprobiert werden als Möglichkeit, mit der Tora und mit Gott in Verbindung zu treten.

Wir bemühen uns um Tikkun Olam, die Heilung des Zerbrochenen in der Welt, mithilfe der Mitzwot und durch das Ausüben von Wohltaten. Wir fühlen uns mit Israel tief verbunden und möchten unsere Vision von einem friedlichen Zusammenleben der Kinder Isaaks und der Kinder Ishmaels im gelobten Land unserer Vorfahren verwirklicht sehen. Gegenüber der Weisheit anderer Traditionen pflegen wir eine offene und respektvolle Haltung UND wir sind gleichzeitig maximalistisch, NICHT minimalistisch, was unser Judentum betrifft!

"ALEPH - Alliance for Jewish Renewal" ist ein US-amerikanischer Verband, der ins Leben gerufen wurde, um Jewish Renewal zu fördern. ALEPH ist Dachorganisation für eine Reihe von Projekten, darunter das ALEPH Seminar, das Rabbiner, Kantoren und rabbinic pastors (livui ruchani) ausbildet. Ein Blick auf die Website von ALEPH genügt, um sich von der Ernsthaftigkeit und dem akademischen Anspruch dieser Studiengänge zu überzeugen. Die meisten Studenten studieren fünf bis zehn Jahre, während sie gleichzeitig Gemeinden leiten, unterrichten oder durch Praktika und ehrenamtliche Arbeit im Dienst der jüdischen Gemeinschaft stehen. Die Rabbinervereinigungen einer wachsenden Anzahl amerikanischer Großstädte erkennen ALEPH-ordinierte Rabbiner als vollwertige Mitglieder an. Das wichtigste Zeichen für den Erfolg von Jewish Renewal aber ist die Tatsache, dass immer mehr Synagogen anderer Strömungen/Denominationen in den USA sowie zunehmend auch in Australien, Europa, Mittel- und Südamerika unsere Anliegen und Anregungen in ihren Gottesdiensten, dem Textstudium und der religiösen Bildung aufgreifen.

Text: Marcia Prager    Übersetzung: Isabelle Wagner

Rabbi Marcia Pragers Reise von Purim zu Pessach und Schawuoth

Rabbinerin Marcia Prager ist Absolventin des Reconstructionist Rabbinical College, Rabbinerin der P'nai Or Renewal Gemeinde in Philadelphia und Direktorin und Dekanin des Ordinationsstudiengangs von ALEPH.

Rabbi Marcia Pragers Reise von Purim zu Pessach und Schawuoth

Falls Sie den nächtlichen Himmel vor Pessach betrachtet haben, ist Ihnen vielleicht das erste winzige Scheibchen des Neumonds aufgefallen. In der jüdischen Welt sind wir Mondbeobachter, denn jeder neue Monat beginnt mit einem neuen Mond. Im beginnenden Frühjahr oder manchmal sogar im späten Winter, feiern wir den neuen Mond des  hebräischen Monats Adar, der Monat, dessen Motto lautet: "mit dem Monat Adar wächst die Freude!" Warum? - weil sich der Winter zurückzieht und das Purimfest im Anzug ist.

Einen Monat später sehen wir einen anderen Neumond, der den tatsächlichen Frühlingsbeginn anzeigt. Dieser neue Mond verkündet den Monat Nissan, den Frühlingsmonat: Befreiung vom beengenden, kalten Winter! Wiedergeburt! Und was passiert 15 Tage später , zum vollen Mond im Monat Nissan? Wir feiern das Pessachfest. Wenn wir die spirituelle Reise verstehen wollen, die im Monat Nissan beginnt, hilft uns Purim weiter, das auf den Vollmond des Monats Adar fällt. Schauen wir daher zunächst auf Nissan und kommen dann auf Adar und das Purimfest zurück. Der Monat Nissan, der Frühlingsmonat, wird manchmal auch der Monat des "Sprechens" genannt, denn  Pessach, auf Englisch Pass-over, ist in diesem Monat. Das hebräische Verb "sach" bedeutet erzählen und "peh" heisst Mund. Daher kann man Pessach -Passover-  auch mit "ein Mund, der erzählt" übersetzen. Und was für eine wunderbare Geschichte gibt es da zu erzählen! Zum vollen Mond von Nissan kommen wir zusammen, um das Pessachfest zu feiern. Wir sitzen zusammen und erzählen die Geschichte von Yitziat Mitzrayim, dem Auszug aus Ägypten. Hören Sie das TZR in MiTZRayim?  Auf Hebräisch ist der Name ds Landes, in dem wir Sklaven waren, nicht Ägypten sondern Mitzrayim. TZR bedeutet Enge ( wie das jiddische Tsuris). TZR - der zu enge Ort, der "Ort, an dem alles Leben aus uns gequetscht wurde". Unsere Befreiung aus dem Ort der Enge ist eine der grossen Geschichten der Menschheit und beschreibt ausserdem eine Herausforderung, mit der das Leben uns alle konfrontieren kann. Diese Geschichte ist so  aussergewöhnlich, dass das Büchlein mit den Liedern und Geschichten, die wir am Pessach-Seder lesen, auch Haggada heisst. Das bedeutet schlicht "Erzählung". An Pessach offenbart  sich Gott  uns als eine lodernde Flamme und befreiende Kraft, die uns aus Mitzrayim herausführt und am Sinai einen Bund mit uns als Volk schliesst. Als Drama und in tausendfacher Besetzung greift Gott in die Geschichte ein, um ein unterdrücktes Volk zu befreien und in die Freiheit zu führen. Am Sinai offenbart sich uns Gott mit Blitz und Donner. Wir erhalten die Tora und lernen Freiheit auf eine ganz neue Art kennen:  Freiheit als Bekenntnis und Verpflichtung. Wir dienen keinem anderen Herrscher als Gott. Wir hören wie Gott uns zuruft: "Ihr sollt heilig werden, denn heilig bin ICH, Euer Gott." (Leviticus 19:2, Übers. Buber/Rosenzweig). Wir verpflichten uns und alle kommenden Generationen diesem Streben: ein heiliges Volk in brit olam, einem ewigen Bund mit dem Schöpfer der Welt zu sein. Die Wanderung von Mitzrayim zum Sinai ist eine Wanderung aus der  Freiheit in die Verpflichtung, von einem ungestümen Lauf in die Freiheit zu einem ganz besonderen Ziel. Es ist eine Zeit der Kultivierung, der Vorbereitung und Öffnung, um Gottes aktive Präsenz in unseren Leben, in Tora und Mitzwot zu spüren... An Schawuot feiern wir die Offenbarung am Sinai! Die Erfüllung der Reise in die Freiheit, die Pessach begann; eine heilige Zeit, in der wir wieder am Berg Sinai stehen, um unsere Herzen für das ICH BIN des Universums zu öffnen, um die Tora zu empfangen. Hier kommen wir an einen spannenden Punkt: wenn Sie sich an die Geschichte vom Exodus erinnen, wer war wohl der grösste Held? Wenn Sie Moshe gesagt haben,  haben Sie recht. Aber dann wird es Sie überraschen, dass in der traditionellen Hagada, der "Erzählung", die am Sederabend gelesen wird, Moshe überhaupt nicht erwähnt wird. Wer steht im Mittelpunkt der Haggada? Wenn Sie Gott gesagt haben, haben Sie recht. Um diesen Gedanken weiter fortzuführen, müssen Sie wissen, dass wir an Purim die Megilla Esther chanten, genauso wie an Pessach die Haggada. Die Megilla ist die Schriftrolle, die die Geschichte der Königin Esther, ihres noblen Onkels Mordechai, des Königs Ahasverus und des  verbrecherischen Ministers Haman erzählt. In der Geschichte erfährt Mordechai von Hamans Plan, die jüdischen Dörfer Persiens zu zerstören und die Beute einzustreichen. Mordechais junge Nichte Esther, die glücklicherweise kurz vorher die neue Königin Persiens geworden ist, ist die Einzige, die diesen teuflischen Plan möglichwerweise verhindern kann. Mit grossem Glauben und Mut  versteht sie es, den König zur Rücknahme des Dekrets zu bewegen. Das Böse ist besiegt und das Gute triumphiert. In der Megilla Esther haben alle Helden Hauptrollen. Nur einer fehlt. Überraschung! Gott wird noch nicht einmal ein einziges Mal erwähnt. Zu Pessach ist Moshe verborgen  und Gott wird sichtbar. In der Megilla Esther ist Gott so verborgen, dass er nicht ein einziges Mal erscheint. Was soll das bedeuten? Wenn Gott an Pessach und Schawuot  derart präsent ist, warum fehlt er dann an Purim? Schauen wir einmal  genau hin: Purim ist auch das Fest der Verkleidungen und Verhüllungen. Die Realität ist versteckt unter Masken. Wahrheit kann versteckt sein. Manchmal ist sogar Gott versteckt. Um die wirkliche Purimsgeschichte zu finden, müssen wir daher unter der Oberfläche suchen. Das Thema des Versteckens findet sich sogar im Namen der Hauptheldin: Esther kommt von dem hebräischen Wort "nistar", das verstecken heisst. Gott ist NISTAR/ versteckt in der Purim-Geschichte. Purim zeigt uns hinter den Masken nach der versteckten Wahrheit zu suchen. Purim lehrt uns etwas, das uns allen sehr schwer fällt: uns in unserer eigenen Welt und in unserem eigenen Leben mit der grössten Täuschung auseinanderzusetzen. Nämlich der, dass Gott in unserem Leben nicht gegenwärtig ist, dass er  nicht auch durch unser Leben handelt. Kabbalisten beschreiben unsere materielle, stoffliche Welt oft als "olam ha-p´ridah", eine Welt der Trennung und Gegensätze: Gut und Böse, Richtig und Falsch usw. Esther muss  sich aus der Purdah, dem abgeschlossenen Harem, herausschleichen, um dem König gegenüberzutreten und die Juden Persiens zu retten. Für die Kabbalisten ist die Welt der Purdah - olam ha-p´ridah eine Reise zu yichud: die göttliche Einheit, die scheinbare Widersprüche unserer Welt transzendiert. Zu Purim erfahren wir, dass Gott durch alles fliesst und alles IST. Daher lesen wir zu Purim, dem vollen Mond im Monat Adar, die Megilla Esther, um das, was versteckt ist an das Tageslicht zu bringen. Lasst uns hinter die Masken schauen und tiefste Wahrheiten erkennen. Lasst uns Trennungen  überschreiten und auf der Reise von  Purim zu Pessach die unendliche Einheit des Seins spüren .

Wir danken Rabbinerin Marcia Prager, dass wir ihren Artikel leicht gekürzt und übersetzt auf unserer website veröffentlichen dürfen. Der ungekürzte Original-Artikel findet sich auf unserer englischen Jewish Renewal Seite.

Marcia Prager graduierte vom Reconstructionist Rabbinical College und ist Rabbinerin der Philadelphia P´ai Or Jewish Renewal Community  sowie Direktorin und Dekanin des Aleph Ordination Program. (http://www.rabbimarciaprager.com)

Übersetzung: Etha Jimenez 

Baruch Dayan HaEmet

Baruch Dayan HaEmet
Reb Zalman Schachter Shalomi sel.A. starb am 3.7.214 kurz vor seinem 90. Geburtstag. Wir sind sehr traurig über diesen grossen Verlust, aber auch ausserordentlich dankbar für alle Inspiration, Leitung und den Segen, den wir von unserem grossen Lehrer erhalten durften.
Der folgende link gibt einen interessanten Überblick über die vielen Facetten seines Wirkens. 
http://www.thejewishweek.com/news/national/healing-reb-zalman

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